„Natur nah dran“-Flächen blühen in voller Pracht – Ökologisch sinnvoll heißt nicht immer bunt

Geschrieben von Heike Pressler am . Veröffentlicht in Aktuelles

Es grünt und blüht allerorts, ganz wie es sich für die Jahreszeit gehört. Besonders ins Auge fallen die „Natur nah dran“-Flächen auf dem Friedhof, an der Ecke Richard-Wagner-Straße/B3, an der „Park & Ride“-Anlage westlich des Bahnhofs und am Wareham-Kreisel. Und ins Ohr: In den Wildblumen und Stauden tummeln sich nämlich scharenweise Bienen, Hummeln und Co., was den hohen Nutzen dieser Standorte für einheimische Insekten eindrücklich unter Beweis stellt. Auch die noch bis vor kurzem von vielen gestellte Frage „Blüht da überhaupt jemals etwas?“ dürfte jetzt beantwortet sein.

Natur braucht Zeit

Diese Entwicklung zeigt einmal mehr: Natur braucht Zeit. Und manchmal eben nicht wenig davon. Auch die im Rahmen des „Natur nah dran“-Projekts umgestalteten Flächen entsprechen nicht sofort und auch nicht zu allen Jahreszeiten dem Anspruch, dort müsse es gleich und immer bunt blühen. Gerade in den ersten zwei bis vier Jahren ändert sich das Erscheinungsbild laufend, bis sich eine stabile Biozönose – eine Gemeinschaft verschiedener Arten in einem abgrenzbaren Lebensraum – ausgeprägt hat, wissen Fachleute.

In allen Phasen jedoch profitieren sowohl einheimische Insekten und natürlich Vögel von dieser Entwicklung – und das mitten in der Stadt. Eben das ist das Ziel des „Natur nah dran“-Projekts, welches das Land Baden-Württemberg im Rahmen seiner Naturschutzstrategie im Jahr 2015 gestartet hat. Dort ist unter anderem das Ziel festgeschrieben, die biologische Vielfalt in den Kommunen zu fördern – auch mit finanzieller Unterstützung. Hemsbach war eine von zehn Kommunen, die sich gleich im ersten Jahr erfolgreich um eine Teilnahme beworben hatte und sich über einen Zuschuss von 15.000 Euro freuen durfte.

Wider den Insektenschwund

Zu verdanken ist dies nicht zuletzt den städtischen Gärtnern des Bauhofs und der ISEK-Projektgruppe „Innerstädtisches Grün“, die sich voller Tatkraft daranmachten, innerstädtische Grünflächen „naturnaher“ zu gestalten – zwecks Erhalt der Biotop- und Artenvielfalt, denn: In Mitteleuropa gab es in den letzten 20 Jahren nicht nur einen erschreckenden Schwund an Fluginsekten um 75 Prozent, auch das Blütenangebot hat sich erheblich reduziert: in der Feldflur durch Übernutzung, im Vorgebirge durch Pflegeaufgabe und Verbuschung.

Und auch in Städten trifft man immer öfter auf umweltfeindliche Steingärten, monotone Rasenflächen oder immergrüne Nadelhölzer – die allesamt kein Nahrungsangebot für Insekten bieten. Hinzu kommt der Einsatz von Insektiziden. Insektenschwund führt dazu, dass der Tisch für Vögel und Fledermäuse, Amphibien und Eidechsen immer spärlicher gedeckt ist – und in der Folge auch hier Artenschwund droht.

Verschiedene Methoden

„Natur nah dran“ will innerhalb von Kommunen wieder heimische Blüten und Pflanzen als Nahrungsgrundlage für Insekten ansiedeln, je nach Standortbeschaffenheit mit unterschiedlichen Methoden. Auf dem Hemsbacher Friedhof beispielsweise wandte man die sogenannte Burri-Methode an: In die Rasenfläche wurden Streifen eingefräst, in welche dann in gemeinschaftlicher Aktion mit Vertretern des BUND und NABU Blumensamen und -zwiebeln eingepflanzt wurden. In diesem nährstoffreichen Boden gedeihen diese ganz von selbst. Eine dauerhaft artenreiche Wiese kann auch entstehen, wenn nährstoffreiche Böden durch Sand-Split-Mischungen ausgetauscht und mit Wiesenblumen eingesäht werden: Dann wird‘s statt nur grün bald bunt.

Ökologische Musterflächen

In Hemsbach werden übrigens demnächst noch weitere Grünbereiche umgestaltet. „Natürlich wollen wir damit auch ökologische Musterflächen schaffen, die möglichst viele Gartenbesitzer zur Nachahmung anregen“, erklärt die städtische ISEK-Koordinatorin Julia Rehl. „Das stärkt die Natur in unserer Stadt und erfreut Biene, Schmetterling und Co.“

Dass solche Flächen nach der Anfangsphase pflegeleichter und somit natürlich auch preiswerter zu unterhalten sind, ist dabei ein weiterer Vorteil. Nach dem Ausfallen der Samen genügt eine zwei- bis dreimalige Mahd pro Jahr, um die Flächen auszumagern. Dass diese mitunter etwas „wild“ aussehen können, ist gewollt, weil ökologisch sinnvoll: Es erhöht den Artenreichtum, gerade auch der Insekten.

Mehr echte und lebendige Natur mitten in der Stadt – davon profitieren nicht nur Tiere und Pflanzen. Naturnahe Flächen steigern ebenso die Lebensqualität der Einwohner und laden zum Verweilen, Staunen und Erleben ein. Wer möchte seinen Enkelkindern nicht auch weiterhin Bienen und viele schöne Schmetterlinge zeigen können?