Rothschildschloss (Rathaus)

Im Spannungsfeld zwischen denkmalgerechtem Erhalt
und moderner Nutzung: die Sanierung des Hemsbacher Rathauses

Ein denkmalgeschütztes Gebäudes zu erhalten, ist ein spannendes und spannungsreiches Unternehmen. Für das ehemalige Hemsbacher Rothschild-Schloss, ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung, gilt dies besonders, denn es dient seit 1928 als Rathaus. An zentraler Stelle gelegen, prägt es entscheidend den alten Ortskern der Stadt mit ihren etwa 12.000 Einwohnern und stiftet somit ein hohes Identifikationspotential.

Bei der Sanierung eines solchen Gebäudes trägt man also eine große und gleich mehrfache Verantwortung. Dieser hat sich Hemsbach in den Jahren 2007 bis 2009 gestellt.

Bewegte Geschichte

Die bewegte Geschichte eines der Juwele der Baukunst an der Bergstraße beginnt 1762, als der kurfürstliche Jagdrat Franz Blesen das alte Schlossgut aufkaufte und 1764 auf dem Platz des ehemaligen Pferdestalls der alten Tiefburg einen zweistöckigen Putzbau im Stil einer italienischen Villa erbauen ließ, der heute den mittleren Trakt des Schlosses ausmacht. Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb dann im Jahr 1839 der Frankfurter Bankier Baron Carl Mayer Freiherr von Rothschild das Anwesen, das noch heute seinen Namen trägt. Etwa 1850 ließ Rothschild die Villa um zwei Flügelbauten und zwei Geschosse erweitern. Das Gebäude erhielt so sein heutiges mediterranes Aussehen. Eine große Parkanlage mit ausgewählten Pflanzen ergänzte den Immobilienbesitz.

Carl Mayer von Rothschild

Carl Mayer von Rothschild, geboren 1788 in Frankfurt am Main, gestorben 1855 in Neapel, war ein deutscher Bankier und der vierte Sohn des Dynastiegründers Mayer Amschel Rothschild. 1810 wurde er Teilhaber des Bank- und Handelshauses „M. A. Rothschild & Söhne“. Bei zahlreichen Reisen durch Europa knüpfte er weitreichende politische Beziehungen und trug damit zum weiteren Aufstieg der Bank bei.

Rothschild, aus dessen Ehe mit Adelheid Herz vier Söhne und eine Tochter hervorgingen, lebte teils in Frankfurt, teils in Neapel und erwarb in beiden Städten heute noch berühmte Gebäude, so beispielsweise 1841 die Villa Pignatelli, eines der angesehensten Häuser Neapels.

Erster Ehrenbürger Hemsbachs

1839 kaufte Carl Mayer von Rothschild das ehemalige Hemsbacher Burggut und wurde noch im gleichen Jahr zum ersten Ehrenbürger Hemsbachs ernannt.

Der Name Rothschild ist übrigens auch verbunden mit dem Schloss Rennhof im ehemaligen Hemsbacher (heute Lampertheimer) Stadtteil Hüttenfeld. Dieses ließ sich Carl Mayer von Rothschilds ältester Sohn Mayer Carl 1853 zu seinen Ehren errichten; 1889 wurde es an die Fürsten Löwenstein-Wertheim-Freudenberg verkauft. Seit 1954 ist es Unterkunft des Litauischen Gymnasiums Hüttenfeld. 

Nach Rothschild hatte das Schloss viele Besitzer, dann verfiel es zusehends. 1925 schließlich erwarb die Gemeinde das inzwischen ziemlich heruntergekommene Anwesen. Nach einer Renovierung und einigen baulichen Veränderungen zog 1928 die Verwaltung in das nunmehr (auch) „Neues Rathaus“ genannte Schloss ein.

Notwendige Sanierung versus Finanzsituation

In den 1980/90er Jahren zeigte sich, dass das Schloss immer mehr einer umfassenden Sanierung bedurfte, doch die überaus angespannte finanzielle Situation der Stadt Hemsbach ließ dies nicht zu. Als Ende 2005 herabfallende Fassadenteile aber zu einer Gefahr für Passanten wurde, tat Eile Not. Glücklicherweise gestaltete sich die Finanzlage zu dieser Zeit etwas entspannter.

Bereits 2004 hatte der Gemeinderat zunächst für eine neue Rathaus-Außenstelle in der Hildastraße 12 „grünes Licht“ gegeben, denn nach einer Sanierung würde das Rothschildschloss wegen diverser Vorgaben (Barrierefreiheit, Brandschutz) weniger Nutzfläche aufweisen. Der Baubeschluss zur Rathaussanierung fiel 2006. Das beauftragte Büro für Baukonstruktionen (BfB) Karlsruhe veranschlagte die Gesamtkosten für die Gebäudesanierung mit  3,7 Millionen Euro. 

2006: Zeit günstig für Fördermittel

Die Zeit war zudem günstig für Fördermittel: Über das Landessanierungsprogramm würden etwa 850.000 Euro Zuschuss fließen, aus dem Ausgleichsstock etwa 1,1 Millionen Euro. Zur weiteren Finanzierung trugen eine Rücklagenentnahme und Erlöse aus dem Verkauf städtischen Eigentums bei. 

Die Entscheidung fiel zugunsten desjenigen Entwurfs, der den größten Raumgewinn versprach und das Erscheinungsbild des Schlosses fast unberührt ließ. Dieser sah eine zentrale Halle mit lichtem, durchgehendem Treppenhaus vom Erd- bis ins dritte Obergeschoss vor, bis ins zweite Obergeschoss zweiläufig. Die notwendige Verbreiterung des Verbindungsgangs im dritten Obergeschoss sollte möglich werden durch eine – optisch wenig beeinträchtigende – Versetzung der Südwand nach außen. Für die horizontale Erschließung inklusive Aufzug musste allerdings die historische Treppe aus dem Jahr 1840 weichen.

2007: Sanierung beginnt

Im Frühjahr 2007 war das Rathaus geräumt – einige Verwaltungsbereiche kamen während der rund zweijährigen Bauzeit in der neuen Rathausaußenstelle unter, Bürgermeister, Stabstelle, Personalamt und der Fachbereich Planung und Technik in angemieteten Räumen in der Bachgasse. Dann folgten die ersten Schadenskartierungen und Demontagearbeiten. Zerbröselndes Mauerwerk, abfallender Putz, lockere Gesimse, verfaultes Holzgebälk, durchgerostete Balkongeländer – die Mängelliste nahm kein Ende. Aber eines der größten Probleme, die es zu bewältigen galt, war das unzureichende Raum- und Traggefüge des Schlosses. Zur besseren Aussteifung und Anbindung der Holzbalkendecken an die Querwände baute man an vielen Stellen Stahlanker ein. Um die Last auf den etwa 70 Quadratmeter großen Gewölbekeller zu reduzieren, musste die östliche Treppenraumwand in Höhe des Erdgeschosses durch eine Wand aus Stahlbeton mit Stahlbeton-Stützen im Untergeschoss ersetzt werden.

Neugestaltung der Außenanlagen

Parallel zur Gebäudesanierung startete die 2008 Neugestaltung der Außenanlagen, denn auch das Umfeld des Schlosses sollte in neuem Glanz erstrahlen und seine zentrale Lage im historischen Ortskern angemessen zur Geltung bringen. Bei der Planung hatte die Verwaltung auf eine breite Beteiligung der Öffentlichkeit gesetzt und sowohl einen „runden Tisch“ als auch eine Bürgerversammlung einberufen.

Ergebnis war, dass das Rathaus insgesamt seinen das mediterrane Flair des Ensembles unterstreichenden „grünen Rahmen“ zurückbekommen hat. Der Eingangsbereich wurde mit Natursteinen gepflastert; das Ehrenmal mit Brunnen saniert. Gesäumt wird die Fläche von Kastanien, die Treppe ist nach Westen und Norden hin offen. Im Süden dominiert eine große, vielfältig nutzbare Schotterrasenfläche, ergänzt durch einen Rosengarten, eine Terrasse und kleine Bühne, Spielgeräte für Kinder und viele weitere auflockernde Gestaltungselemente. Zudem bieten sich am und rund ums Rathaus ausreichende Parkmöglichkeiten. Die Kosten in Höhe von knapp 1,6 Millionen Euro wurden zu zwei Dritteln mit Zuschüssen und Fördermitteln gedeckt.

 

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Ganz Hemsbach nimmt sein Schmuckstück in Besitz

Bereits kurz vor Weihnachten 2008 begann die Stadtverwaltung wieder mit dem „Rück-Umzug“ ins sanierte Rathaus. Ein gutes halbes Jahr später, nach endgültiger Fertigstellung auch der Außenanlagen, feierte Hemsbach am 26. Juli 2009 schließlich sein neues Schmückstück mit einem großen Fest und einem Tag der offenen Tür. Ganz Hemsbach nahm sein Rathaus in Besitz, dessen gestalterisch hohe Qualität nun (wieder) harmonisch mit einem „Schlossgarten“ korrespondiert und Hemsbach eines der schönsten Rathäuser der Region beschert – zumal sich ein Rathaus des 21. Jahrhunderts auch im Innenbereich kaum bürgerfreundlicher gestalten lässt und darüber hinaus für die Verwaltungsmitarbeiter eine angenehme Arbeitsatmosphäre schafft. All dies ist dem Umstand zu verdanken, dass zu jedem Zeitpunkt der Sanierung die praktische Arbeit am Objekt von allen an der Sanierung Beteiligten als gemeinsame Aufgabe begriffen und zielorientiert durchgeführt wurde.

Hervorzuheben ist auch die Wirtschaftlichkeit: Trotz aller Unwägbarkeiten bei der Sanierung dieses geschichtsträchtigen  Gebäudes legte man hinsichtlich der im Vorfeld der Sanierungsarbeiten veranschlagten Kosten eine „Punktlandung“ hin – und kam bei der Finanzierung einer der größten Investitionsmaßnahmen Hemsbachs in den letzten Jahrzehnten ohne Darlehensaufnahme aus.

Im eingangs beschriebenen Spannungsfeld stellt sich das Gebäude heute dar als gelungene Metamorphose: Es ist ein Schloss geblieben und zu einem zeitgemäßen Rathaus geworden, zu einer Stätte der Begegnung aller Generationen, zu einem lebendigen Mittelpunkt.